Digitale Medienkompetenz und Gesellschaft

Einleitung

Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen müssen wesentliche gesellschaftliche Trends und Entwicklungen verfolgen und kennen. Dazu gehören sowohl technische als auch rechtliche oder politische Aspekte in Bezug auf digitale Medien.

Veränderungen im gesellschaftlichen Kontext (Politik und Recht)

Konkrete gesellschaftliche Veränderungen im Zusammenhang mit digitalen Medien sowie deren Auswirkungen auf die Sozialpädagogik kennen. Dies schliesst auch den Umgang mit politischen und rechtlichen Veränderungen ein.

"Heute ist die Welt im Computer"

Die Gesellschaft entwickelt sich durch und mit den digitalen Medien schnell und einschneidend.

"Wir durchlaufen eine gewaltige Veränderung.
Ich weiss auch noch nicht, wie gross sie sein und wie lange sie dauern wird.
Es dauerte etwa hundert Jahre, bis man die Auswirkungen des Buchdrucks
wirklich spüren konnte.
Stellen Sie sich vor, es wäre 1472, und Sie sollten mir glauben,
dass diese Erfindung die katholische Kirche entmachtet,
eine wissenschaftliche Revolution auslöst
und die Bildung auf den Kopf stellt.
Sie würden sagen: Blödsinn."
Jeff Jarvis (Journalist)
 
Klaus Wolschner – bringt in seinen Artikeln vieles davon auf den Punkt
"Der elektronische Umbruch dürfte so weitreichend sein wie der, den Johannes Gutenberg mit seiner Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert einleitete. Es dauerte vier Jahrhunderte, da waren die oral übermittelten regionalen Mundarten und kulturprägenden Sprechweisen verdrängt durch National-Sprachen, die durch Schrift ihre Normung erhalten - gesprochene Schriftsprachen. Die neuzeitliche Verbreitung der Schrift ermöglichte eine in der Geschichte beispiellose Entfaltung von Wissenschaft und Vernunft. Das Buch, vom 17. bis zum 20. Jahrhundert die Grundlage von europäischer Kultur und Bildung, wird nun an den Rand gedrängt von einer multimedialen elektronischen Kommunikation.
 
Die Verdrängung der Kultursprachen, die sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet haben, durch die globale elektronische Kommunikationstechnologie wird keine 400 Jahre dauern, sie ist schon erkennbar im Gange.
Erkennbar ist auch, dass das globale, von der elektronischen Kommunikation geprägte Amerikanisch-Englisch ("globalesisch") schlichter sein wird - jedenfalls als die Nationalsprachen des gebildeten Bürgertums vergangener Jahrhunderte.
 
Kommunikationswissenschaften befassen sich also mit Kernfragen der Kulturgeschichte des Menschen. Es gibt kein Wahrnehmen, kein gesellschaftliches Leben ausserhalb der medialen Vermittlung von Realität. Mediengeschichte, Mediensoziologie und Medienphilosophie befassen sich mit der Frage, wie sich der Wandel von Gesellschaft und Kultur in der menschlichen Wahrnehmung, also vermittelt über Medien, darstellt und welchen Anteil die Vermittlungstechniken am gesellschaftlichen Wandel haben."

Statistiken, Studien und Fachartikel

Statistiken und Studien
Statistiken zeigen, dass die Integration digitaler Medien in einem sehr hohen Tempo voranschreitet

Bundesamt für Statistik
Die Grafik verdeutlicht, dass sich die Internetnutzung der Schweizer Bevölkerung in den letzten zehn Jahren drastisch verändert hat.
 

 
Jamesstudie (Jugend- Aktivitäten – Medienerhebung – Schweiz)
Diese erhebt alle zwei Jahre die Mediennutzung der Jugendlichen in der Schweiz. Sie wird vom ZAHW (Zentrum für angewandte Wissenschaften) in Zürich durchgeführt.

MIKE Studie (Medien - Interaktion - Kinder - Eltern
Ergebnisbericht zur Mediennutzung von Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren. Sie wird vom ZAHW (Zentrum für angewandte Wissenschaften) in Zürich durchgeführt.
  
Jim Studie 2016 (Jugend, Information, (Multi-) Media)
Auch in Deutschland wird die Mediennutzung der Jugendlichen regelmässigt untersucht und im Rahmen der JIM-Studie präsentiert.

Kim Studie
Seit 1999 führt der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest zudem regelmässig eine Basisstudie zum Stellenwert der Medien im Alltag von Kindern (6 bis 13 Jahre) durch.

Mini Kim Studie
Die Mediennutzung von Kleinkindern wird zusätzlich im Rahmen der Basisuntersuchung zum Medienumgang 2- bis 5-Jähriger in Deutschland erhoben.

Verschiedene Fachartikel

Die analoge Welt ist nur die halbe Realität
(Patrick Beuth Redakteur im Ressort Digital bei ZEIT ONLINE)
Google plant unsichtbare Computer und ein allgegenwärtiges Netz – "Augmented reality" wird zum Standard. Wer das nicht will, dem bleibt nur eine "reduced reality".

Weniger Internet – bitte!
(US-amerikanische Soziologin und Professorin für Science, Technology and Society am Massachusetts Institute of Technology)
Das Internet hat uns vieles gebracht. Leider auch die Möglichkeit, nicht zu denken. Sherry Turkle, Professorin am MIT, zieht Bilanz.

"Facebook wird zusammenfallen"
(Richard David Precht ein deutscher Philosoph und Publizist, der vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher und Fernsehsendungen zu philosophischen Themen bekannt wurde.)
Wie denkt ein Philosoph über soziale Medien? 

NZZ am Sonntag – Spezial Digital gefordert
Die Informationstechnologien verändern die Welt im Eiltempo – die Schule hinkt hinterher. Warum sich Pädagogen oft schwertun mit Computern. Und wie der Unterricht der Zukunft aussehen könnte.

Wie Computerspiele Hirnströme verändern
(Neue Zürcherzeitung – 31. März 2014)
"Action" kann aggressiv machen, aber auch die Aufmerksamkeit trainieren. 

Die neuen elektronischen Medien sind eine Herausforderung für die Sozialpädagogik
(Monika Luginbühl – in Fachzeitschrift Curaviva – April 2013)
Nicht verbieten, sondern mit dem tauglichen Umgang vertraut machen.

Medienkompetenz als Schlüssel zur Partizipation?!
(Monika Luginbühl – in Sozial aktuell -Nov. 2013)
Der sozialkompetente Umgang mit digitalen Medien ist kein Jugendproblem, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Hier eine Übersicht der Referate und Fachartikel von Monika Luginbühl.

Kinderwelten - Medien im Alltag von Kindern
(Birgit Guth, Leiterin Medienforschung SUPER RTL)

Medien und Menschen mit besonderen Bedürfnissen  

Inklusion ist in aller Munde. Wie sieht das in Bezug auf barrierefreie Zugänge in der online Gesellschaft aus?

Wir haben uns entschieden, das Thema 'Menschen mit besonderen Bedürfnissen' unter der Rubrik 'digitale Medien und Gesellschaft' zu verankern. Für uns stellen sich in dieser Hinsicht nicht nur pädagogische sondern vor allem gesellschaftliche Fragen.

Gerade im online Setting bestehen etliche Möglichkeiten, die für Menschen mit besonderen Bedürfnissen eine Normalisierung bedeuten können. Im folgenden sind einige Zugangsmöglichkeiten aufgezeigt. Lassen Sie sich inspirieren.

Aktive Medienarbeit –
«Medien selber gestalten hilft Medien zu durchschauen»

Der Ansatz der Aktive Medienarbeit geht davon aus, dass durch die handelnde Gestaltung von Medien neben technischen Kompetenzen auch Einsichten über die Wirkungsweise von Medien gewonnen werden können.
Bei der aktiven Medienarbeit werden Räume geschaffen, in denen Kinder, Jugendliche aber auch Menschen mit Behinderungen selber Medien gestalten können. Dafür kann grundsätzlich jede Form von Medien eingesetzt werden. So können beispielsweise Hörspiele aufgenommen werden, Filme produziert werden, Fotos bearbeitet werden, etc.
«Medien selbst zu gestalten hilft dabei zu durchschauen, wie Medien von anderen gestaltet wurden. Diese kritische Komponente ist ein zentraler Baustein von Medienkompetenz; sie gehört in der Demokratie zum Grundhaushalt eines reflektierten Zeitgenossen»

Die Aktive Medienarbeit eignet sich sehr gut für heterogene Gruppen, da in solchen Projekten verschiedenste Kompetenzen zum Tragen kommen können.
 
Weiterführende Literatur und Anregungen
Kurzer theoretischer Zusammenfassung zur inklusiven Medienarbeit und konkrete Umsetzungsbeispiele:
Schluchter, J.-R. (2015). Medienbildung als Perspektive für Inklusion. Modelle und Reflexionen für die pädagogische Praxis. München: kopaed.
 
Webseite des Netzwerks Inklusion mit Medien. Viele Anregungen aus der Praxis:
http://www.inklusive-medienarbeit.de/
 
Innovative Angebote und Idee aus eine multikulturellen Quartier in Berlin:
http://www.schillerwerkstatt.de/

Hinweise auf Angebot für Menschen mit besonderen Bedürfnissen
Insieme Schweiz und die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) haben einen Leitfaden entwickelt, welcher auf einfache, verständliche Weise erklärt, wie Webangebote für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung aufgebaut sein müssen, damit sie zugänglich sind.
Hier finden Sie direkt den Leitfaden als pdf in deutscher Version.
oder surfen sie auf www.einfachsurfen.ch.

Der Verein "atempo zur Gleichstellung von Menschen" mit Sitz in Graz ermöglicht durch verschiedene Projekte den Zugang zur Online Gesellschaft. Durch Bildung und Barrierefreiheit wird eine berufliche Qualifizierung im EDV Bereich angestrebt. Die Website zeigt eindrücklich auf, wie Barrierefreiheit, Bildung und Karriere sowie Kundenbefragungen nachhaltige Zugänge schafft. 

Digitale Medien beschäftigen die heutige Politik

Die Veränderung der politischen Teilnahme und Partizipation im Zeitalter der digitalen Netze
Prof. Dr. Heinz Moser von der PH Zürich zeigt in seinem Artikel die Chancen der digitalen Medien in Bezug auf die Partizipation aus.
 
Infoset
Im Infoset finden sich viele der aktuellen Themen und Angebote rund um digitale Medien – auch im politischen Kontext.
 
Faktenblatt "Kinder- und Jugendpolitik in der Schweiz"
Stellungnahme des Bundes zum Thema Politik und Medien
 
Politikpapier "Medienkompetenzförderung und Jugendmedienschutz"
Stellungnahme der SAJV – der Schweizerischen Jugendverbände zum Thema Medien und Politik

Rechtliche Konsequenzen

Einleitung: Selbstbestimmungsrecht versus Erziehungsrecht

Im sozial-, heil- und sonderpädagogischen Kontext stehen sich das Selbstbestimmungsrecht der Kinder bzw. Jugendlichen und das Erziehungsrecht bzw. die Erziehungspflicht der Erziehungsberechtigten gegenüber. Dies führt oftmals zu einem Spannungsverhältnis. Insbesondere bei den digitalen Medien prallen diese meist divergierenden Interessen aufeinander.
Das Selbstbestimmungsrecht von Kindern und Jugendlichen ist Teil der persönlichen Freiheit, der Meinungs- und Informationsfreiheit sowie des Rechts auf Schutz der Privatsphäre.  Das Selbstbestimmungsrecht der Kinder bzw. Jugendlichen hängt massgeblich von deren Urteilsfähigkeit ab. Bei der Urteilsfähigkeit geht es um die Frage, ob Kinder bzw. Jugendliche im konkreten Einzelfall vernunftgemäss handeln können. Die Urteilsfähigkeit ist somit jeweils im Einzelfall zu bestimmen – abhängig von der Entwicklung der Kinder bzw. Jugendlichen und von der konkreten Situation.
Das Erziehungsrecht wird vom Leitgedanken des Kindswohls getragen und beinhaltet die Pflicht, Kinder und Jugendliche in ihrer Unversehrtheit zu schützen und sie in ihrer Entwicklung zu fördern. Die Erziehungsberechtigten sind verpflichtet, die Kinder und Jugendlichen im Erwerben der Medienkompetenz zu begleiten  und sie vor Gefahren, namentlich im Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Medien, zu schützen.
Kinder- und Jugendinstitutionen nehmen im Rahmen der sogenannten delegierten elterlichen Sorge (Ermächtigung bzw. Auftrag durch die Eltern) dieses Erziehungsrecht wahr oder handeln mit einem gesetzlichen Auftrag (zivil- oder strafrechtliche Einweisungen) und sind so unter anderem zur Medienerziehung der Kinder und Jugendlichen berechtigt bzw. verpflichtet.
Die Erziehungsberechtigten haben den Willen der urteilsfähigen Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen, soweit dies dem Interesse des Kindswohls nicht entgegensteht.

Kindswohl als oberstes Gebot

Das Kindeswohl gilt als Leitmotiv bei allen wesentlichen Fragen zur Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen. Es ist der Inbegriff aller begünstigenden Lebensumstände, um Kindern bzw. Jugendlichen zu einer körperlich, psychisch, intellektuell sowie sozial guten und gesunden Entwicklung zu verhelfen.
Die sogenannte Medienerziehung ist Teil dieses Erziehungsrechts und hat zum Ziel, Kinder und Jugendliche mit Medienkompetenz  auszustatten. Sie sollen nicht nur befähigt werden, sinnvoll mit Medien umzugehen, sondern auch vor drohenden Kindswohlgefährdungen – namentlich bei der Nutzung digitaler Medien – bewahrt werden.
Risiken bei der Nutzung digitaler Medien
Medienpädagogische Begleitung soll den Kindern und Jugendlichen eine sichere und verantwortungsvolle Nutzung digitaler Medien sowie den richtigen Umgang mit allfälligen negativen Medienerlebnissen ermöglichen. Die Risiken der Mediennutzung sind vielfältig: So können Kinder und Jugendliche bspw. Opfer oder Täter von Cybermobbing, -bullying, -stalking, Grooming, Betrug, sexuellen Handlungen und verbotener Pornografie oder Gewaltdarstellungen übers Internet werden. Wenn sie nicht altersadäquat mit Medieninhalten konfrontiert werden oder mit diesen umzugehen wissen, können sie game- oder pornosüchtig oder aber anderweitig in ihrer psychischen Entwicklung beeinträchtigt werden. Indem Kinder und Jugendliche im Internet sorglos eigene Daten einem oftmals unbekannten Personenkreis preisgeben, riskieren sie, die Kontrolle über diese Daten zu verlieren. Nicht zuletzt können sich Kinder und Jugendliche auch finanziellen Schaden zufügen.

Umsetzung im sozialpädagogischen  Alltag

Dass sich Selbstbestimmungs- und Erziehungsrecht in einem gewissen Spannungsfeld befinden, ist selbstverständlich. In der medienpädagogischen Praxis sind oftmals Kompromisse auszuhandeln und gegebenenfalls auch Grenzen auszutesten. Sowohl die Förderung der Kompetenz der Kinder und Jugendlichen im sinnvollen Umgang mit Medien als auch ein wirksamer Schutz vor schädlichen Auswirkungen der Medien auf die Kinder und Jugendlichen bedingen, dass sich die Erziehungsberechtigten in den Grundzügen mit dem aktuellen Stand der digitalen Medien auskennen und sich bei Bedarf weiterbilden.
Weiterführende Hinweise zum Daten- und Persönlichkeitsschutz finden sich auf der Website des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten (www.edoeb.admin.ch).
Einen Überblick über die anwendbaren Bestimmungen sowie weiterführende Hinweise finden sich auf der Internetseite von Jugend und Medien (www.jugendundmedien.ch) oder auch auf der Internetseite der Schweizerischen Kriminalprävention (http://skppsc.ch).

Spannende rechtliche Informationen zum Thema Cybermobbing finden sie hier: Cybermobbing
umd zum Thema Pornographie

Folgerungen für die Sozialpädagogik

Die schnelle Entwicklung des Themas erfordert Präsenz. Für die Praxis stellen sich folgende Fragen: 

  • Wer "hütet" das Thema? Das heisst: Wer verfolgt die aktuellen Entwicklungen und Trends?
  • Wie wird der Wissensstand im Team aktuell gehalten?
  • Wie wird das Wissen "gesammelt" und "verwaltet"?
  • Welche Grundhaltung wird vertreten?
  • Welche Themen werden besonders verfolgt?
  • Wo gibt es Abgrenzungen?